Winterhoff: Raus aus der Fremdbestimmung

Der Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff.

„Unsere Gehirne sind nicht für die digitale Welt gemacht“

Gerade ist sein neues Buch erschienen „Wiederentdeckung der Kindheit“. Wir haben Dr. med. M. Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater in Bonn, Bestseller-Autor, und Experte für die Entwicklung der kindlichen Psyche interviewt, um von ihm einmal zu wissen, was er von dem Einsatz „kiloschwerer Sandwesten“ für unruhige Kinder hält und wie er allgemein den Zustand unserer Gesellschaft, unserer Kinder sieht.

Frauke Döllekes: Herr Dr. Winterhoff, wir würden gerne von Ihnen wissen, was Sie von dem Einsatz „kiloschwerer Sandwesten für unruhige Kinder“ halten?

Dr. Michael Winterhoff: Ich bin entsetzt. Das zeigt die völlige Hilflosigkeit und wie krank unsere Gesellschaft ist. Haben wir verlernt mit Kindern umzugehen und kehren ins Mittelalter zurück?

Das Grundproblem ist: Die Kinder werden von Erwachsenen nicht als unreif gesehen – es wird an den Kindern vorbei reformiert. Das sind sie aber. Meine jahrelange Praxiserfahrung zeigt, dass ein Großteil der heranwachsenden Kinder heute in ihrer Psyche auf dem Niveau eines Kleinkindes stehen geblieben sind. Sie haben häufig eine fehlende bis schlechte Impulskontrolle, Konzentrationsprobleme, Zuhören, auch schwierig. Hinzu kommt, dass sie  eine geringe Frustrationstoleranz aufweisen, eine Fremdbestimmung durch die Lehrerin nicht akzeptieren und nicht einmal erkennen, dass sie im Unterricht sind und sich daher verhalten, wie in der Pause. Die meisten Kinder, die mir begegnen, können sich im Phantasialand, vor dem Fernseher oder an der Spielekonsole stundenlang konzentrieren, tuen es aber in der Schule nicht.

Das Problem heute ist doch, dass es zwei bis vier normal tickende Kinder in einer Klasse von 28 Schülerin gibt, früher waren es zwei auffällige. Normal entwickelte Kinder würden nicht ständig zappeln, sie würden zuhören, denn Kinder im Grundschulalter haben eine naturgegebene Wissbegierigkeit, sie wollen lernen – und zwar für den Lehrer oder für die Eltern.

Frauke Döllekes: Wie kommt es zu dieser Entwicklung Ihrer Erfahrung nach?

 Michael Winterhoff: Erwachsene haben zunehmend das Gefühl für sich selbst verloren – und dann können sie es auch nicht mehr für ihre Kinder haben. Der Kontakt mit Kindern geht heute in den Familien und Einrichtungen selten über Bindung, Beziehung. Aber das ist es, was sie brauchen. Ein starkes, in sich ruhendes Gegenüber, um sich gesund und altersgerecht entwickeln zu können.

Frauke Döllekes: Was meinen Sie, ist das Hauptproblem für diese Entwicklung und seit wann ist diese ungesunde Entwicklung erkennbar?

Michael Winterhoff: Wir machen in unserer Gesellschaft einen Fehler: Der Laie meint, es gehe bei dem Problem um Erziehung. Darum geht es aber nicht. Sie werden ja erzogen und zappeln trotzdem…Es geht vielmehr um die psychische Entwicklung – eine reine Hirnleistung, ein Reifungsprozess – ein Kind, das altersgemäß entwickelt ist, erkennt ab 5 Jahren im Restaurant: Ich bin in einer besonderen Umgebung und möchte die anderen nicht stören und verhält sich entsprechend rücksichtsvoll.

Es ist wie beim Sport: Der Trainer sieht mich als Schüler, coacht, motiviert, übt, baut auf…. Dieemotionale und soziale Psyche kann sich nur über Bindung und Beziehung an Eltern, Erziehern und Lehrern bilden. Das setzt voraus, dass man Kinder als Kinder wahrnimmt, sie vor Erwachsenenthemen schützt und sie in vieler Weise anleitet und begleitet. Viele Funktionen wie Sozialverhalten, Arbeitshaltung… müssen einübt werden. Der Erwachsene muss viele Entscheidungen für das Kind treffen.Seit Mitte der 90er wurden wir Erwachsenen von einem digitalen Zeitalter überrollt. Wir sind psychisch überfordert und nutzen unbewusst Kinder zur Kompensation. Seit dieser Zeit haben wir das Gefühl für Kinder verloren und die Kindheit abgeschafft.

Frauke Döllekes: Wie sieht es aus mit der Aussage, dass es 95 % Fehldiagnosen bei ADHS gibt?

Michael Winterhoff: Das kann man so nicht sagen. Das Problem ist folgendes: Wir haben Anfang der 90er den amerikanischen Diagnosekatalog DSM übernommen. Es ist daher zu einer veränderten Sicht gekommen. Bei diesem Schlüssel wird das Symptom berücksichtigt und nicht die Ursache. Was z.B. hinter der Diagnose ADHS steht ist unklar. Als Ursache der Konzentrationsstörung kann eine hirnorganische Ursache, eine Verweigerung wie auch eine psychische Unreife stehen. Da bis Mitte der 90er die Kinder sich grundsätzlich auf dem psychischen Entwicklungsstandes ihres Alters befanden (3 Jahren Kindergarten- 6 Jahre Schul- und 16 Jahre Ausbildungsreife) befanden, war die häufigste Ursache eine hirnorganisch bedingte Störung, im Gegensatz zu heute, die fehlende psychische Entwicklung. Diese Problematik ist behebbar, da Entwicklung immer nachholbar ist. Daher ist es fatal, ADHS als Erkrankung zu sehen. Auch Lehrer und Erzieher suchen leider immer häufiger nach Gründen für das Verhalten des Kindes. Diese Diagnosen bieten sich dazu an. Fatal für das Kind, es erlebt auf sein Handeln keine klare Reaktion und erfährt so keinen Halt und Orientierung .

Frauke Döllekes: Wie gehen Pädagogen, Erzieher damit um?

Michael Winterhoff: Es gibt kaum noch Lehrer, die Kinder als Kinder sehen. Häufig sehen die Erwachsenen Kinder als Partner: Es werden Verträge gemacht, „Personal-Gespräche“ geführt, Kindern Verantwortungen übertragen, die sie nicht tragen können oder sollten. Jede Form von freier Entscheidung, heißt auch Übertragung von Verantwortung. Kinder werden mit dieser Vorstellung tragischer weise überfordert, da sie aus entwicklungspsychologischer Sicht erst mit 15 Jahren für sich in die Schule gehen, darunter für die Eltern oder Lehrer. Denken Sie mal ans Zähneputzen: auch hier muss man Kinder lange begleiten, da sie noch nicht überschauen können, dass es um die eigenen Zähne geht.

Frauke Döllekes: Was können wir Erwachsenen tun, um mit dieser Problematik umgehen zu können?

Michael Winterhoff: Kinder orientieren sich am Gegenüber. Wir brauchen Einrichtungen, in denen viel mehr auf Beziehungs-, Bindungsebene gearbeitet wird. Lernen und Wegweisen ist vor allem Beziehungsarbeit. Das geht nur in kleineren überschaubaren Gruppen, Klassen – nicht mit 28.

Vor allem sollten Erwachsene aber in sich ruhen, klar sein. Doch ihre Intuition ist weitestgehend verloren gegangen.

Am Beispiel der Lehrerin, die ganz glücklich über die Erfindung der Sandweste ist, denkt ja, dass sie hilft – sie hat den Blick und das Gespür dafür verloren, was Kinder brauchen, unabhängig davon, dass diese Maßnahme den kindlichen Rücken belastet und sie nur versucht am Symptom herumzudoktern.

Frauke Döllekes: Was ist die Ursache für das Verlorengehen von Intuition? Stress?

 Michael Winterhoff: Viele Erwachsene sind im Katastrophenmodus, angstgesteuert, obwohl es uns nur gut gehen müsste. Es ist genug Geld da, keine gesamtgesellschaftliche Not, Zeit, wirtschaftliche Unabhängigkeit – und trotzdem stehen wir unter Druck. Wir kommen aus der analogen Welt und sind für die digitale nicht gemacht. Es ist mehr als unser Gehirn verkraften kann. Wir sind der totalen Reizüberflutung ausgesetzt und sind zunehmend fremdbestimmt. Dauerfeuer, Dauerbeschuss an Informationen, E-Mails, Nachrichten….

Wir sollten als Erwachsene selber entscheiden und bestimmen, wann wir welche Information aufnehmen möchten oder nicht. Wir agieren nicht mehr sondern reagieren.

Viele fühlen sich überfordert, fremdbestimmt und sind gestresst. Sie merken aber gar nicht mehr, dass sie sich das Gift selber holen, indem sie ständig „on“ sind, viel zu viele Meldungen empfangen und Entscheidungen treffen, weit darüber hinaus, was ein Gehirn leisten kann. Ihre Psyche hat keine Chance mal Luft zu holen und zu regenerieren.  Hinzu kommt noch die enorme Fülle an Katastrophennachrichten aus aller Welt, digital aufbereitet. Wir sind also wie live dabei. Unsere Psyche kann nur regenerieren, wenn wir allein mit uns selbst sind, wir uns Zeit für uns nehmen, also „offline“ sind.

Frauke Döllekes: Wie sieht es mit den jungen Leuten aus? Sie wachsen doch konstant in dieser digitalen Welt auf?

 Michael Winterhoff: In der Tat merken sie zunehmend, dass es ihnen nicht gutgeht. Es kommen immer mehr 17-21jährige zu mir –  allein auf eigene Faust. Ich erarbeite dann u.a. mit ihnen ganz individuell Pläne. Zeiten für die Nutzung von Smartphones, Computer & Co., Bewegung, Sport. Die jungen Leute sind schon nach zwei Wochen wie ausgewechselt. Über diese erlebten, positiv gemachten Erfahrungen ändern sie dann ihr Verhalten. Manche geben ihr Smartphone sogar ganz ab…

Frauke Döllekes: Was können wir also Ihrer Meinung nach dafür tun, diese Selbstbestimmung wieder zu erlangen?

Michael Winterhoff: Gehen Sie einmal vier Stunden allein im Wald spazieren, ohne Smartphone und Sie erfahren, wovon ich rede. Wiederholen Sie das alle zwei Wochen für 1-2 Stunden und Sie finden zu ihrem Urzustand zurück.

Es ist wie ein Reset des Computers – in unserem Falle des Gehirns.

Frauke Döllekes: Vielen Dank fürs Gespräch, Dr. Winterhoff.

Übrigens, wenn Sie mehr wissen möchten zu Hintergründen und der Entwicklung kindlicher Psyche, kann ich Ihnen nur die Bücher von Michael Winterhoff empfehlen.

 

Tags from the story

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

„Unsere Gehirne sind nicht für die digitale Welt gemacht“ Gerade ist sein neues Buch erschienen „Wiederentdeckung der Kindheit“. Wir haben Dr. med. M. Winterhoff,...
" />