Statt Plätzchen gibt’s Karotten oder Gurke

Mädchen mit langen blonden Haaren isst Obst aus dem Obstkorb
Spaß an Obst und Gemüse können wir Kindern vermitteln. Foto: Addictive Stock

Was Kinder essen, müssen wir vorgeben – dass gesunde Ernährung wichtig ist, wissen wir. Dass Kinder oft sehr wählerisch sind, auch – zumindest wenn wir uns umschauen. Dass es sich aber häufig bei extrem wählerischem Essverhalten um eine Ess- und Fütterstörung schon im Kleinkindalter handeln kann, ist meist nicht im Bewusstsein.
Wer mit seinen betroffenen Kindern in der Kinderklinik war, weiß, wie Kinder das Thema Essen einsetzen können, um ihre Ziele zu erreichen und ihre Eltern unter Druck zu setzen. Unbewusst versteht sich. Eltern geraten schnell in Teufelskreise, weil sie ja nur froh sind, wenn die Kinder überhaupt etwas essen… Und spätestens dann sind sie in der Fall.
Zunächst fängt es ganz schleichend an: Erst wird das eine Gemüse, die eine Beilage oder das eine Obst nicht gegessen. Irgendwann ist es das zweite, dritte, vierte…. Die Vielfalt des Gegessenen  wird immer geringer und am Ende werden nur noch Nudeln mit Butter, Kartoffeln ohne Gemüse, Pommes frites oder Süßes am Nachmittag gegessen – wenn überhaupt – und Süßgetränke getrunken. Die Hauptmahlzeiten werden weitestgehend nicht angerührt, Mama oder Papa packen ja sicher Kekse, Gummibärchen & Co. für den Gang zum Spielplatz ein. Das Sattwerden, über den Tag verteilt, ist also für die Kinder gar kein Problem. Es gibt immer etwas an Bord, das ihnen schmeckt und das die Lücke mit Nahrhaftem aus der Hauptmahlzeit schließt. „Und das ist bedenklich“, sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Dietmar Langer.
Wenn ich dann in dem Artikel der WAZ „Das mag ich nicht!“ vom 14. Oktober lese, „dass Süßes vertraut ist und Vertrautes schmeckt“, ist es ja ein Leichtes, das Süße einfach einmal wegzulassen. Die Leiterin des neuen Forschungsdepartements Kinderernährung Mathilde Kersting, das zur Universitätsklinik Bochum gehört, konstatiert, „dass sich Geschmack durch Gewöhnung herausbildet“. Eben! Dann gibt es statt Kekse halt Rohkost oder Obst als Zwischenmahlzeit. Übrigens interessant dabei: Sabine Vosskuhl, Autorin des Buches „Vollwert genießen“ bringt es folgendermaßen zum Ausdruck: „Die gemüsebetonte Vollwertkost ist eine natürliche, säure- und allergenarme Kost ohne Zusatz von Farb- und Konservierungsstoffen. Der überwiegende Teil des Tagesbedarfs wird mit Gemüse, Salaten und Rohkost gedeckt. Grundsätzlich wird nur Frisch- und Tiefkühlware (ohne Soßen, nur schockgefrostetes Gemüse) verwendet. Lebensmittel aus ökologischem Anbau sind zu bevorzugen – Lebensmittel aus Konserven, Trockenfrüchte und Fertigprodukte jeglicher Art sind ungeeignet“. Die Ernährungsberaterin Heidrun Bolik, die 25 Jahre gemüsebetonte Vollwertkost in der auf der psychosomatischen Station in der Kinder- und Jugendklinik gelehrt hat, zitiert gern neueste Erkenntnisse: „Jeder muss ein Nahrungsmittel mindestens 9x probiert haben, um sagen zu können: „das mag ich nicht“. Heißt so viel wie: „dann probiere es wenigstens einmal“ und darauf kommt ein „mag ich nicht“, es daraufhin wegzulassen, ist definitiv zu wenig.
Die Frage ist ja vor allen Dingen immer wieder, dass wir eigentlich alle wissen, wie wichtig eine ausgewogene Ernährung ist und ob Kinder denn krank werden können, wenn sie konsequent viele Obst- und Gemüsesorten verweigern, nur eingeschränkt essen? Darauf antwortet Mathilde Kersting: „Im Prinzip gibt es in Deutschland keine Mangelernährung, dafür ist das Angebot zu reichhaltig“.
Dafür muss es aber auch verzehrt werden. Sie sagt ganz deutlich: „Kinder essen viel weniger Gemüse als empfohlen, sie trinken zu wenig und anstatt Wasser bevorzugen sie gesüßte Getränke und außerdem essen sie zu wenig Vollkornbrot“, fasst sie zusammen. Also zu wenig zuckerfreie Flüssigkeit und gesundheitsfördernde Pflanzenstoffe. „Nur wer sich ausgewogen ernährt, also eine optimierte Mischkost bekomme, versorge den Kinderkörper ausreichend mit Nährstoffen, die er für Gesundheit, Wachstum, Entwicklung und Leistungsfähigkeit benötigt.
Darüber hinaus ist mittlerweile bekannt, wie wichtig eine gesunde Ernährung bei einer Vielzahl von chronischen Erkrankungen ist. Dr. György Irmey informiert im Fachmagazin für Naturprodukte in dem Artikel „Wie wichtig ist gesunde Ernährung“ ist, um z.B. auch Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Dr. Irmey ist seit 30 Jahren ärztlicher Direktor für die Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr (GfBK) in Heidelberg.
Die psychosomatische Abteilung der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen stellt seit 30 Jahren die Ernährung für Allergiepatienten auf eine gemüsebetonte Vollwertkost um. Mit grandiosen Erfolgen. Natürlich gibt es Fleisch, natürlich gibt es Fisch, aber in Maßen. Es gibt vor allem ganz viel Gemüse – ¾ der Ernährung besteht aus Gemüse. „Neben der psychosomatischen Behandlung ist die Ernährung eine optimale Ergänzung im Selbstheilungsprozess. Allergentrigger sind weitestgehend raus, säurehaltige Nahrungsmittel auf ein Minimum reduziert – auch ein positiver Nebeneffekt dabei: Säure führt zur Schleimbildung, damit ist das sowohl für Asthmatiker, wie Neurodermitisbetroffene und Allergiker ein Problem, da Schleimbildung die Symptome verschlimmert. Die Schleimhäute schwellen an. Damit fördert es den Husten beim Asthma, den Juckreiz bei der Neurodermitis und die laufende Nase wie tränende Augen beim Heuschnupfen“, resümiert Frauke Döllekes, Vorsitzende des Bundesverbandes Allergie- und umweltkrankes Kind e.V.
Genug Gründe also, sich im Detail einmal mit einer wirklich gesunden Ernährung auseinanderzusetzen. Vor allem aber einmal darüber nachzudenken, was wir unseren Kindern so anbieten den ganzen Tag über. Letztlich sind es doch wir Eltern, die dafür sorgen, was im Kühlschrank ist und was wann auf den Tisch kommt.
Haben wir bei dem Thema nicht das Sagen, läuft grundsätzlich etwas schief. Es muss ja nicht gleich so sein wie früher „Was auf den Tisch kommt, das wird gegessen“. In die Richtung sollte es aber gehen:
Liebevoll konsequent sollten wir unseren Kindern beibringen, dass es beim Thema Essen kein Wunschkonzert gibt. Zumindest nicht generell. Dafür sind die Konsequenzen zu gravierend.

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