Liebevoll konsequente Erziehung und ihre „Spätfolgen“

Die Reise beginnt schon sehr früh in Richtung Autonomie… Grenzerfahrungen gehören zum Leben, wie die Luft zum Atmen…

Was würden Sie tun, wenn Sie das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden? Oder was würden Sie tun, wenn Sie einen Weg gegangen sind, der Ihnen weitergeholfen hat und der für enorme Entspannung in Ihrem Leben gesorgt hat? Und was würden Sie weiter tun, wenn Sie die positiven Ergebnisse eines Weges personifiziert auf zwei Beinen, nämlichen Ihren Kindern, vor sich haben? Sie würden es gern weitertragen. Und wenn es trotzdem nicht verstanden werden will? Dann ist das so – denn es gibt nie nur einen Weg, der zum Ziel führt. Jeder muss seinen ganz eigenen finden, denn jedes Kind ist anders und jeder Mensch ist anders und jede Familie ist anders. Wer meint, es gebe nur einen einzig richtigen Weg, wird auf dem Irrweg sein, denn dazu ist unsere Welt viel zu komplex. So muss sie auch betrachtet werden.

Früh in Bindung investieren

Kurz noch einmal zu Erklärung: Liebevoll setzt auf Bindung. Wir investieren viel Zeit und Nähe insbesondere im ersten Lebensjahr unserer Kinder. Nicht umsonst heißen sie Nestling und fühlen sich in häuslicher Umgebung mit der Bezugsperson am wohlsten. Wir etablieren Strukturen, ritualisierte Abläufe wie einigermaßen geregelte Essens- und Schlafzeiten. Denn das ist es, das Kindern Sicherheit gibt und so auch für eine sichere Bindung sorgt.

Wir kuscheln viel, wir sind da und nehmen uns Zeit beim Stillen und sich Kennenlernen. Ab dem ersten Lebensjahr dann, dem Alter, in dem Kinder beginnen zu laufen, wollen sie auch immer mehr in Richtung Autonomie gehen. Das sollten wir auch gewähren, indem wir den Kindern auch etwas zutrauen. Das bedeutet, dass ein Kind theoretisch durchschlafen könnte, wenn wir es lassen würden. Das bedeutet, dass die Kinder auch einmal warten können, bis wir geduscht oder gefrühstückt haben. Das bedeutet, dass sie auch schon einmal allein spielen, sich beschäftigen können.

Erfahrungen sind wichtig

Konsequenz wiederum hat nichts mit Strenge, Härte oder autoritärer Erziehung zu tun. Ganz im Gegenteil. Wir konfrontieren unsere Kinder lediglich mit natürlichen Folgen ihres Verhaltens. Wenn sie also ständig mit dem Essen spielen, es vom Tisch schmeißen oder verweigern, bekommen sie nicht etwa Fernsehverbot, sondern wir beenden schlichtweg die Essenszeit und es gibt am Abend wieder essen. Dazwischen haben sie Hunger, klar, das wird aber nicht damit beantwortet, dass sie dann am Nachmittag Milchschnitte, Kekse, Kuchen & Co. bekommen. Das werden sie versuchen. Doch Hand aufs Herz: Wer möchte nicht, dass sich Kinder gesund ernähren? Also müssen wir es ihnen doch beibringen, zu entsprechenden Mahlzeiten, Angebotenes zu essen. Das ist unsere Pflicht! Früher mussten die Kinder am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer war – sie wurden gezwungen. Das war autoritär! Wir geben bei chronischem „Nicht-essen-Wollen“ einen zeitlichen Rahmen vor, in dem sie essen oder halt nicht. Dazu müssen wir aber keinen Machtkampf aus Ärger, Verzweiflung, Wut und Schreierei führen. Wir handeln und zeigen mit unserem Verhalten, dass wir die Regeln wie Zeit, Essen vorgeben, innerhalb derer die Kinder sich entscheiden können. Das ist nur eines von ganz vielen Beispielen, wie wir am Tag Konsequenzen folgen lassen können.

 Kindern Wegweiser sein

Nun werden die Kinder größer – sie können laufen, schlafen, essen – und werden oftmals immer noch mit drei Jahren in den Kindergarten getragen…Warum?? Wir kriechen auf dem Boden des Kindergartens herum, um ihnen die Schuhe an- und auszuziehen. Warum?? Da es so bequem ist, werden die Kinder diese, unsere Dienste gern weiter in Anspruch nehmen. Wieder einmal Hand aufs Herz: Wollen wir das? Ist das das wahre Leben, das draußen auf sie wartet? Ist es nicht vielmehr unsere Aufgabe, den Kindern einen Weg zu weisen, den sie dann selbstbestimmt und selbstbewusst gehen können? Ja, das ist es. Und nur das.

Zu Nähe gehört auch Distanz

In der Schwangerschaft sind die Babys komplett symbiotisch auf uns angewiesen. Auch mindestens im ersten Lebensjahr noch – doch dann heißt es zunehmend loslassen, auch wenn es schwerfällt. Und loslassen heißt, ihnen zu vertrauen, altersgemäß und entsprechend ihrer Entwicklung Schritte auch allein zu gehen. Dabei müssen wir ihnen helfen mit unserer Bereitschaft und unserer Sicherheit: Sie müssen lernen sich zu trennen, sie sollten all ihre Gefühle kennenlernen dürfen, auch negative – dazu gehören auch Frust, Ärger, Wut, Traurigsein, schlechte Laune haben…, sie sollten warten können und Frustrationen aushalten können. Und wo ist das beste Trainingsfeld? Genau, zu Hause.

Regeln lernen

Nicht mit 3 Jahren im Kindergarten oder 6 Jahren in der Schule. Die ersten drei Jahre sind schon einmal sehr prägend, wenn nicht die wichtigsten. Hier sollte alles geübt werden dürfen, was die Kinder dann im Kindergarten benötigen, um in soziale Kontakte zu treten, um also überhaupt Kontakt aufnehmen zu können. Dabei sollte ich schon einmal Regeln kennengelernt haben, sie sollten erste Streitigkeiten und Konflikte gelöst haben, sollten gemäß ihrer Entwicklung Erwachsene als Erwachsene erkennen, fremde Struktur- und Regelabläufe kennengelernt haben, denn im Kindergarten werden sie definitiv erstmals außerhalb des familiären Umfelds damit konfrontiert. Sie sind jetzt nicht mehr der Prinz, der Mittelpunkt der Welt, es gibt noch 20 weitere in der Gruppe – das müssen sie aushalten können. Sie sollten auch einmal ruhig sitzen können und warten…

Immer mehr Kinder sind krank

Und genau von denen berichten Hundertschaften von Erziehern, Pädagogen, Ärzten, Psychiatern und Psychologen, Arbeitgebern, Berufs- und Hochschulen. Die Realität ist nämlich folgende: Mittlerweile sind 70 % der Schüler in einer Grundschulklasse auffällig, früher waren es vereinzelte Schüler; Kindergartenkinder sind mehr und mehr außer Rand und Band, benötigen Ergo-, Logo- oder Physiotherapie; junge Menschen sind zunehmend orientierungslos und wissen nicht, was sie werden oder tun sollen –und noch viel schlimmer, laut Bericht der Krankenkassen, ist der Prozentsatz der jungen Menschen zwischen 17 und 23 Jahren in den letzten Jahren um 100 % gestiegen, was psychosomatische Beschwerden wie Migräne, chronischen Bauch- oder Kopfschmerzen und Depressionen betrifft. Früher klassische Erkrankungen im Erwachsenenalter.

Laufen die Kinder heute nicht systemimmanent, funktionieren also nicht, sind zappelig, laut, störend steht schnell der Verdacht auf ADHS im Raum. Eltern sind verunsichert, lassen sich die Pille lieber verschreiben und berichten von Erfolgen – ja, die Kinder ins System gepresst mittels Medikamenten. Ist es das, was wir wollen?

Nein, wir alle wünschen uns Kinder, die eines Tages selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben leben. Das können sie aber nur, wenn sie eine sichere Bindung aufbauen konnten – dazu gehört übrigens auch, sich entspannt trennen zu können. Alles Lernprozesse, die sich im Laufe der kindlichen Hirnentwicklung vollziehen müssen. Dabei müssen wir sie liebevoll begleiten, buchstäblich an die Hand nehmen, mit unserem Wissen übers Leben, unseren Erfahrungen. Wir als Eltern sollten ein „starker“ Wegweiser, Vorbild sein, das Kindern Raum für Erfahrungen lässt.

Kinder treffen eigene Entscheidungen

Und zu den „Spätfolgen“ aus meiner eigenen Geschichte: Meine Kinder sind jetzt 22 und 16 Jahre alt. Wir haben sie beide mit der liebevoll konsequenten Erziehung groß werden lassen. Sie haben all das gelernt, was ihnen jetzt Rüstzeug fürs Leben bietet: Sie können auch einmal warten, sie können Frust aushalten und ihn bewältigen, sie können Pausen machen und für sich sorgen. Sie wissen, wie sie sich abgrenzen können. Sie gehen sehr selbstbewusst und selbstbestimmt ihres Weges. Natürlich ist nicht alles, das sie tun, unbedingt in unserem Sinne – muss es aber auch nicht. Denn es ist IHR Leben. Sie treffen Entscheidungen und müssen mit den Konsequenzen leben. So funktioniert Leben. Ein wichtiger Faktor in dem Prozess ist sicher das Loslassen. Ihnen vertrauen, dass sie ihren Weg gehen werden.

Wurzeln und Flügel

Nun bin ich sehr weit gegangen mit meinem Artikel – aber das Leben besteht halt nicht nur aus den ersten Lebensjahren, sondern es sollte immer im Gesamtzusammenhang mit all seinen möglichen Konsequenzen gedacht und gelebt werden.

Und schon im ersten Lebensjahr, zumindest aber in den ersten dreien, setzen wir die Samen für die spätere Entfaltung. Insofern sollten wir damit sehr behutsam vorgehen.

Überbehütung und 100%tige Bedürfnisbefriedigung zu jeder Zeit hemmt die Kinder in ihrer Entwicklung; Verwahrlosung, grenzenlos durchs Leben, und sich selbst überlassen überfordert Kinder ebenso.

Die goldene Mitte ist nach unseren Erfahrungen die liebevoll konsequente. Sie setzt liebevoll Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich Kinder ausprobieren, Erfahrungen sammeln können. Sie sind es, die im Leben wichtig sind und unsere Persönlichkeit ausbilden.

Frauke Döllekes