Interaktionsstörungen – wie sie sich äußern können

Nach Gelsenkirchen ist Vieles so entspannt geworden – Jan beim Fußball.

„Wir haben schon sehr früh gemerkt, dass das Verhalten unseres Sohnes Jan anders ist, als das anderer Kinder“.
Mit acht Monaten waren wir zum ersten Mal in einer Krabbelgruppe. Das Spielzeug lag in der Mitte des Raumes, alle Kinder krabbelten in Richtung Spielzeug, Jan krabbelte von den Kindern weg. Er suchte nie den Kontakt zu anderen Kindern, außer er brauchte sie zum Spielen, wie z. B. beim Fußball. In anderen Kindern sah er immer Konkurrenten, dagegen war er immer gerne mit Erwachsenen zusammen.
Er wollte immer seinen Willen durchsetzen (wenn er z. B. mit Autos geschmissen hat und ich gesagt habe, machst du es noch einmal nehme ich dir die Kiste weg, dann warf er es noch einmal und brachte mir die Kiste). Jan konnte überhaupt nicht verlieren, musste überall der Beste sein und hatte immer Angst zu versagen. Mit neuen Situationen konnte er gar nicht umgehen. Ich durfte keinen Schritt ohne sein Wissen machen. Sein Tag musste immer komplett durchorganisiert sein. Mit Abweichungen konnte er nur schwer bzw. gar nicht umgehen.

Wutanfall bis zu zwei Stunden

Hat etwas einmal nicht so geklappt, wie er es sich vorgestellt hatte, hat er es lautstark zum Ausdruck gebracht. Er schrie, schmiss Gegenstände durch die Gegend, schlug und trat um sich. Diese Wutanfälle konnten bis zu zwei Stunden dauern.

Bezüglich der Verhaltensauffälligkeiten waren wir erstmals mit Jan im Alter von drei Jahren beim Kinderarzt. Er sagte aber, dass das Verhalten altersentsprechend sei.
Die Erziehungsberatungsstelle haben wir auch des Öfteren aufgesucht, sie konnten uns aber nicht weiterhelfen.
Im Kindergarten hat sich Jan das erste Jahr sehr auffällig verhalten. Er hat dort weiterhin versucht, sein Ding durchzuziehen ohne kompromissbereit zu sein. Nach ca. einem Jahr  besserte sich sein Verhalten, bis es zum Schluss komplett unauffällig war.
Die Trennungsangst war zwar noch da, aber alles andere hatte sich verbessert. Da war für uns erst einmal alles in Ordnung. Heute wissen wir, dass er sich auf die verschiedenen Situationen im Kindergarten eingestellt hatte und was er nicht konnte oder wollte, brauchte er nicht zu machen (dieses haben wir leider erst später erfahren).

Er ging nicht allein zur Schule

Nach der Einschulung wurde Jans Verhalten dann wieder sehr auffällig. Er ging nicht alleine zur Schule, ich musste ihn immer bis fast vor die Klasse bringen und habe rückwärts und winkend (Jan wollte das so) den Schulhof wieder verlassen. Er bekam Weinkrämpfe im Unterricht, wenn er seinen Stift verloren hatte und dieser nicht auffindbar war. Er ist während des Unterrichts aus dem Klassenraum gelaufen, wenn ihm etwas nicht passte. Er ist zweimal aus der Schule weggelaufen, weil er Angst hatte die Hausaufgaben nicht zu verstehen bzw. zu schaffen. Wenn er etwas nicht auf Anhieb verstand, ließ er es sich nicht erklären, sondern saß in seinem Zimmer und versuchte es immer und immer wieder, bis er es verstanden hatte.

Er hat nie vor Anderen, auch nicht vor uns, irgendetwas geübt wie z.B. „Laufen“  – irgendwann ist er aufgestanden und losgelaufen. „Radfahren“ – eines Tages setzte Jan sich aufs Fahrrad und fuhr. Beim Schwimmen  ist er lange Zeit nur getaucht, bis er uns eines Tages alle Schwimmarten, natürlich über Wasser, präsentierte. Gelesen hat er erst gar nichts. Dann nahm er eines Tages ein Buch und und las fließend einige Sätze vor.

Nach Klinikaufenthalt viel entspannter

Das alles machte uns doch wieder nachdenklich. Durch Zufall haben wir von einer Bekannten von der ambulanten Verhaltenstherapie in der Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen gehört. Wir haben uns dafür entschieden, aber nach nur zwei Sitzungen sagte uns die Therapeutin, dass diese Therapieform Jan nichts bringen wird, da er auf alle Fragen diplomatisch korrekt antwortet. Sie stellte bei Jan ein extremes Kontrollverhalten und  sehr starke Trennungsangst fest. Sie hat uns die stationäre Therapie auf der KJ 3, der pädiatrischen psychosomatischen Station, empfohlen, die wir im Januar 2014 durchgeführt haben.
Wir waren vier Wochen auf der KJ3 und sind so froh, diesen Schritt gemacht zu haben.
Jans Verhalten hat sich so stark verbessert, dass er viel entspannter mit  verschiedenen Situationen umgehen kann und viel fröhlicher und ausgeglichener geworden ist. Er geht alleine zur Schule, bleibt alleine beim Fußballtraining, was vorher nicht denkbar war.
Inzwischen verabredet er sich sogar manchmal mit Kindern, was er früher überhaupt nicht getan hat.
Beim Fußball hat er zwar immer noch Angst vor Zweikämpfen (Angst zu versagen), aber es ist mit dem Verhalten vor unserem Aufenthalt in der Klinik überhaupt nicht mehr zu vergleichen.
Das Tolle an der stationären Therapie ist, dass nicht nur die Kinder therapiert werden, sondern auch die Eltern regelmäßig Vorträge/Seminare haben über Themen wie z. B. Schulstress, liebevoll konsequente Erziehung, etc. Das ist so hilfreich, wir hätten das nicht gedacht.

Danke Gelsenkirchen.

Beate Wilking

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„Wir haben schon sehr früh gemerkt, dass das Verhalten unseres Sohnes Jan anders ist, als das anderer Kinder“. Mit acht Monaten waren wir zum...
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