Erst entwickeln lassen, dann fördern

Der Junge spielt entspannt mit seinem Schiffchen…

M. Winterhoff: Kinder und Gesellschaft nehmen Schaden

Kinder in ihrer Entwicklung wieder ernst nehmen und zu gesunden Interaktionen zwischen Eltern und Kindern kommen ist wohl eines seiner Herzensanliegen. Michael Winterhoff, Bestsellerautor und Kinder- und Jugendpsychiater, zeigt in seinen Büchern, was in unserer Gesellschaft los ist. Er zeigt Missstände auf, sensibilisiert uns alle für ein entschleunigteres Leben und gibt Lösungen. Am 4. April, 19.30 Uhr, kommt er in die Aula der Goetheschule in Essen und hält den Vortrag zu „SOS Kinderseele – Kindheit wiederentdecken“. Wir freuen uns sehr, denn der  Erlös der Veranstaltung geht zugunsten unserer Vereinsarbeit.

Schon viele Jahre behandelt Dr. Winterhoff  Kinder und Jugendliche in seiner Praxis in Bonn und stellt seit Mitte der 90er Jahre, seit Beginn der Digitalisierung also, deutliche Veränderungen im Verhalten fest, die besorgniserregende Maße annehmen. Aber nicht nur das. Er ist über seine Vorträge viel in Kontakt mit Kindergärten und Schulen und weiß auch hier um die Missstände. Für ihn ist Bildung in Deutschland eine Katastrophe und er ist sicher „Kinder und Gesellschaft nehmen Schaden“.

In seinem neuen Buch „Deutschland verdummt“, das im Mai erscheint, redet Michael Winterhoff Klartext und zeigt, was falsch läuft. „Leidtragende sind für ihn die Kinder, die man quasi sich selbst überlässt. Winterhoff verharrt nicht bei der Bestandsaufnahme und Analyse, er zeigt konkrete Lösungen und Maßnahmen auf und fordert u.a. eine groß angelegte Bildungsoffensive: bessere Ausbildung für Erzieherinnen und Lehrer, Einstellung von deutlich mehr Lehrern, Aufhebung des Föderalismus in der Bildung“, heißt es in der Vorankündigung des Gütersloher Verlagshauses.

Es geht ihm immer wieder auch um den Ge- und Missbrauch elektronischer Geräte wie Handys, Tablets, Computer & Co., unsere durchgetakteten Alltage.

Vor allem aber geht es ihm wie uns um das Verhältnis zu unseren Kindern, das häufig durch ungesunde symbiotische Beziehungen geprägt ist und unsere Kinder nicht „loslässt“. Denn, wie wir auch in Gelsenkirchen gelernt haben, ist Autonomie eines der wichtigsten Voraussetzungen für ein gesundes Leben. Das sagt sich leichter als getan. Aber sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass wir unsere Kinder alles alleine tun lassen, was sie gemäß ihrer Entwicklung auch können, wäre schon hilfreich. Immer wieder tappen wir doch in die Falle zu viel „für“ sie zu tun, „für sie“ erledigen zu wollen  – weil es „schneller geht“, weil wir ihnen „helfen wollen“, weil wir meinen „sie seien noch zu klein“. Doch wir sollten sie viel mehr selber machen lassen. Das erfordert Zeit und Geduld – ja, die sollten wir uns nehmen.

Hier sind wir bei unserer liebevollen Konsequenz angekommen! Erfahrungen lassen reifen, aber dazu gehören auch negative. Die lassen wir unsere Kinder aber so ungern machen… Leider. Denn sie sind so wichtig für ihre Entwicklung –alles, das, was sie selber lösen konnten, alles, was sie selber erreicht haben, macht sie stark, autonom und selbstbewusst. Und über unsere liebevollen Bindungen, in die wir so viele Jahre investiert haben, und es immer noch tun, sind sie doch den Herausforderungen des Lebens gewachsen. Je mehr wir ihnen zutrauen, desto sicherer werden sie vernünftige und für sie gute Entscheidungen treffen. Der eine wird vielleicht Umwege gehen, der andere Irrwege oder auch direkt den für sich „richtigen“ Weg wählen. Wir wissen ja auch alle, dass diese Entscheidungen nicht immer in unserem Sinne sein müssen 😉 Das auszuhalten hat auch etwas mit Loslassen zu tun.