Endlich konnten alle wieder schlafen

Ist der Tag entspannt gewesen, sind auch die Nächte ruhig… dem Teufelskreis mit Struktur begegnen.

 

Wir waren im Februar 2017 mit unserer Tochter auf der KJ3. Sie  war damals knapp fünf Monate alt. Die Schwangerschaft verlief völlig komplikationslos und mir ging es auch bis zum Schluss super. Die Geburt verlief dann etwas anders als gedacht: Es musste eingeleitet werden, das dauerte dementsprechend lange. Unsere Tochter kam aber ganz normal und gesund auf die Welt.

Im Kreißsaal war sie schon sichtlich gestresst und weinte viel. Die nächsten drei Tage schlief sie fast ununterbrochen, doch dann schlug es um: Sie schlief tagsüber so gut wie gar nicht mehr, nachts am Anfang noch zwei bis drei Stunden  am Stück, im Verlauf waren es vielleicht gerade einmal 30-60 Min. Sie war immer unzufrieden, weinte viel, hing fast 24 Stunden an meiner Brust. Wir konnten nirgends hin. Nicht spazieren gehen. Selbst Arztbesuche oder Besuche, die notwendig waren, waren eine Qual. Sie weinte im Kinderwagen, Auto, im Tragetuch ( ich versuchte sie viel zu tragen), in der Federwiege usw. Nach fünf Monaten waren wir körperlich und psychisch am Ende. Ich hatte das Gefühl, ich verstehe mein Kind nicht, ich übersehe irgendetwas oder mache etwas falsch.

Alles versucht – nichts half

Wir haben alles versucht, sind bei mehreren Osteopathen gewesen, doch es wurde immer schlimmer. Irgendwann funktionierte das Beruhigen mit der Brust auch nicht mehr. Wenn ich andere Mütter sah, wie sie fröhlich draußen spazierten, liefen mir die Tränen über das Gesicht. Selbst das nahe Umfeld verstand zum Teil unsere Lage nicht. Sätze wie „das verwächst sich schon“, „ das erste Lebensjahr ist nun mal hart“ machten das Ganze nicht besser, verletzten noch mehr und gaben weiter das Gefühl zu versagen. In Schreiambulanzen bekamen wir zeitnah keine Termine.

Uns war klar: So konnte das nicht weitergehen. Ich belas mich und stieß dabei auf einen Instagram-Eintrag. Dort berichtete eine Mutter von ihrem Sohn, der heftige Regulationsstörungen hatte. Sie war mit ihrem Sohn in Gelsenkirchen gewesen und total begeistert. Ich nahm mit ihr Kontakt auf. Sie berichtete mir erste Details aus der Klinik und schlussendlich fassten wir den Entschluss, die vierstündige Fahrt nach Gelsenkirchen auf uns zu nehmen. Wir wollten, dass nicht noch mehr  Zeit verstreicht. Es war weder ein Zustand für uns, noch für unser Kind. Es konnte einfach auch nicht gesund sein, nie zur Ruhe zu kommen. Von unserer Kinderärztin bekamen wir eine Einweisung und schon nach zwei Wochen hatten wir einen Aufnahmetermin. Wir wurden sehr freundlich empfangen. Es gab ein ärztliches und pflegerisches Aufnahmegespräch.  Es wurde eine sehr tiefgründige Anamnese erhoben (Erkrankungen, Familie, psychische Belastungen, usw.), die wichtig für die Therapie war.

Wissen gab uns Handlungskompetenz

Wir bekamen einen genauen schriftlichen Ablauf der drei Wochen, alles war genau durchgeplant.  Die erste Woche war emotional sehr belastend. Wir lernten uns selbst und unser Kind neu kennen. Und verstehen. Es gab feste Essenszeiten, Schlafenszeiten, Vorträge für uns Eltern, Betreuungszeiten für die Kinder (bei unserer Kleinen fiel dies etwas sparsamer aus, hier wird auch individuell nach Alter der Kinder entschieden, auch die Mahlzeiten werden bei so kleinen Kindern so angepasst, dass der vorherige Rhythmus weitestgehend beibehalten wird, bzw. stillte ich der Zeit noch voll, Ruhezeiten für die Eltern, Autogenes Training und Sport für die Eltern, um von dem hohen Stresslevel, das bisher bestand, „runter zu kommen“.

Unsere Tochter war schon verändert, als wir die Station betraten. Als hätte sie die andere Umgebung und unsere Entschlossenheit bzw. „innere Ruhe“ (Jetzt wird alles gut“) gespürt. Sie schlief die erste Nacht in ihrem Bettchen schon um Welten besser als zu Hause ohne, dass auch nur irgendetwas passiert wäre. Wir lernten auf ganz natürliche Weise unser Kind auch einmal abzugeben und loszulassen. Sie machte das  total super, genauso wie wir. Sie spielte (ihrem Alter entsprechend) mit den anderen Kindern und wir holten sie ganz selbstverständlich und mit entsprechender vorheriger Erklärung wieder ab. Auch das gehörte zum Konzept: Trennungs-Bindungstraining. Und was soll ich sagen? Ihr tat es gut und uns auch. Wir genossen auch mal wieder die Zeit zu Zweit und unsere Tochter lernte ganz natürlich, dass sie uns vertrauen kann (wenn wir sagen, wir kommen gleich wieder, dann ist das auch so). Es gab zu keiner Zeit Probleme. Anwesend in dieser Zeit waren auch immer die Therapeuten, die alles beobachteten und uns berichteten bzw. Feedback gaben und den Verlauf dokumentierten.

Personal war sehr liebevoll

Am meisten Angst hatten wir davor, unsere kleine Maus könne sich die Seele aus dem Leib schreien in ihrem Bettchen und keiner kümmert sich  um sie. Dem war nicht so. Wir besprachen ein entsprechendes Abendritual, das wir täglich wiederholten. Das Einschlafen und mehrere Stunden am Stück schlafen war nach drei Tagen so, als wäre es vorher nie ein Problem gewesen. Wenn sie mal kurz unruhig war, haben die Schwestern nach ihr geschaut und mit ihr gesprochen oder haben auch mal kurz abgewartet, um zu gucken, wie sich unsere kleine Maus reguliert. Es wurde alles genau über Kameras beobachtet und dokumentiert.

Das Feedback unserer Tochter:  Sie war am Ende der  drei Wochen fröhlich, ausgeglichen, lächelte auf einmal viel mehr und machte einen enormen Entwicklungssprung. Sie war von ihrem chronischen Stress bzw. ihrem hohen Stresslevel herunter gekommen. Unsere Tochter hatte gelernt, dass Schlafen etwas völlig Normales ist und vor allem, sie konnte sich selber regulieren. Auch wenn ein Tag einmal turbulenter war, konnte sie dementsprechend reagieren. Auch wir selbst kamen endlich zur Ruhe. Wir lernten in den Seminaren viel über Psychosomatik, chronischen Stress, Erziehung allgemein. Auch der Zusammenhalt mit den anderen Patienten bzw. Eltern war grandios. Wir gingen zusammen aus, tauschten uns aus und stärkten uns gegenseitig. Jeder machte seine ganz eigenen Erfahrungen in der  Zeit.

Jetzt begann unser Familienleben

Die Erfahrungen, die wir in Gelsenkirchen gemacht haben, waren durchweg positiv. Jeder dort hatte immer ein offenes Ohr für uns. Es war sehr herzlich, wir konnten jederzeit Gespräche in Anspruch nehmen und unsere Sorgen loswerden. Wir waren nie allein. Auch haben wir zu keiner Zeit auch nur irgendetwas als schädigend empfunden. Im Gegenteil. Es ist eine sehr liebevolle und entspannte Stimmung auf der Station. Unsere Tochter wurde regelmäßig körperlich untersucht. Alles behielten die Ärzte im Blick.  Anschließend wurden wir weiter betreut (Kontrolltermine, telefonische Beratung).

Wir konnten nach dieser Zeit erst sagen, dass wir so etwas wie ein Familienleben haben. Die Bindung zwischen uns und unserer Tochter wurde durch diese Zeit erst richtig stark. Sie hat ein unheimliches Vertrauen in uns und wir genießen jeden Augenblick mit ihr. Es ging und geht uns zu keiner Zeit darum, dass unsere Tochter „funktionieren“ muss. Es ging darum, sie von ihrem chronischen Stress bzw. Leiden zu befreien und zu lernen, wie sie in Stresssituationen reagieren bzw. diese kompensieren kann, ohne exzessiv schreien zu müssen. Natürlich war es auch Thema, gewisse Grenzen gesetzt zu bekommen. Das tun wir auch zu Hause, auf liebevolle Art. Unsere Tochter ist einfach einzigartig und wunderbar so wie sie ist.

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