Elektronische Geräte bauen Stress auf

Kleinkind mit Handy, Sitzend auf dem Sofa, Handspiele
Was so entspannt aussieht, ist purer Stressaufbau…

Zeit für Entwicklung einräumen – dafür braucht es Pausen und persönliche Kontakte.

„Zu viel Internet macht Kinder krank“ heißt die Headline des heutigen Leitartikels in der NRZ. „Ach“… denkt sich der geneigte Leser, der sich ein bisschen auskennt mit dem Thema Stressmedizin und einige Bücher dazu gelesen hat. Die Nutzung elektronischer Geräte baut Stress auf und sollte möglichst eingeschränkt werden – insbesondere im Kleinkindalter. Als Reaktion auf die zitierte Medienstudie in dem Artikel, die das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hat, warnt die Drogenbeauftrage Marlene Mortler jetzt vor Internetsucht. Das Ergebnis hat ergeben, dass die zunehmende Nutzung von Smartphone und Co. mit verantwortlich ist für Aggressivität und Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen. In Essen gibt es gar seit Jahren eine Migräneambulanz für Kinder und Jugendliche. Dazu braucht es nicht erst eine Studie in 2017 des Bundesgesundheitsministeriums. Warnungen von allen Seiten, Studienergebnisse von Hirnforschern, Ärzten, Pädagogen laufen seit Jahren ins Leere – werden gar häufig verpönt in öffentlichen Diskussionen oder Talkrunden.

Wirkliche Folgen endlich benennen

Im Kommentar zu dem Artikel dazu heißt es dann, dass Bildungsprogramme für Lehrer, Eltern und Erzieher angebrachter sein. Ja, stimme ich zu. Aber bitte nicht wie immer wieder wie zitiert, um reine Medienkompetenz zu vermitteln, sondern vor allem um einmal die wirklichen Folgen auf Gehirn und Gesundheit zu benennen und für Stressregulation zu sensibilisieren.
Übrigens schon 2012 erschien das  Buch „Digitale Demenz“ von dem Hirnforscher Manfred Spitzer –er legt ganz klar dar, was mit uns und unseren Gehirnen passiert. Er bezieht sich auf längst!!! erschienene Studienergebnisse, die aber wohlweislich verschwiegen werden, denn machen wir uns eines doch klar: Hier geht es um einen unfassbar mächtigen und Gewinn bringenden Industriezweig. So zitiert er unter vielen anderen den Jahresbericht der Suchtbeauftragten der Bundesregierung Mechthild Dyckmann 2012!: Etwa 250 000 der 14- bis 24jährigen gelten als internetabhängig, 1,4 Millionen als problematische Internetnutzer“. 2007 schon verzeichneten Ärzte in Korea, einem hochmodernen Industriestaat mit weltweit führender Informationstechnik, bei jungen Erwachsenen immer häufiger Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale Verflachung und allgemeine Abstumpfung“. Fragt sich nun der geneigte Leser, ob oben zitierte Marlene Mortler diese Studie nicht kennt?? Wem hilft es eigentlich wirklich, immer wieder neue Studien aufzulegen, um längst bekannte Wahrheiten weiter zu ignorieren?!

Kinder können sich nicht gesund entwickeln

Auch Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff, praktizierender Kinder- und Jugendpsychiater, warnt schon seit Mitte der 90er Jahre in seinen Büchern vor der Gefahr und dem Einfluss der digitalen Revolution auf die kindliche Entwicklung. Er hat die „lebenden Beispiele“ tagtäglich in seiner Praxis vor sich. „Kinder, die ihrer Entwicklung um Jahre hinterherhinken“.
Ebenso Alexander Markowetz untersuchte die permanente Smartphonenutzung und ihre Gefahr auf uns und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und stellt die sehr lesenswerten Ergebnisse in seinem Buch „Digitaler Burnout“ dar. Das Buch ist 2015 erschienen. Also, frage ich mich doch ernsthaft, wie viele neue Studien noch erscheinen müssen, bis endlich auf allen Ebenen gehandelt wird.

Kinder brauchen ein Gegenüber

Aber zu uns allen liebe Eltern: Wer beschäftigt sich wirklich mit dem Thema? Wer wählt nicht den bequemen Weg? Und wer hat schon einmal seines ganz eigenes Nutzungsverhalten unter die Lupe genommen? Beobachten wir uns doch einmal selber… immerhin sind wir Vorbild für unsere Kinder und Jugendliche. Wie oft gehen junge Mütter mit ihren Babys spazieren – und? Telefonieren. Wie häufig werden Kinder abgeholt, wollen erzählen – die Mütter oder Väter? Telefonieren… „Kinder benötigen für ihre gesunde Entwicklung aber Resonanz –immer ein Gegenüber, auf das sie sich einschwingen können“, erläutert der Kinder- und Jugendpsychologe Dietmar Langer, der seit über 20 Jahren auf dem Gebiet der Stressmedizin forscht und seine psychosomatische Behandlung immer weiter entwickelt hat. Sind wir ständig „beschäftigt“ als Bezugspersonen, macht das auch etwas mit unseren Kindern. Wir werden zunehmend Erziehungsschwierigkeiten bekommen.
Wer liest sich wirklich durch, was in welchem Alter an Nutzungszeit empfohlen, geraten wird? Und wer ertappt sich nicht dabei, den Kindern als „Ruhigsteller“ im Lokal, in Warteschlangen, im Bus, das eigene Handy herauszuholen und die Kinder spielen zu lassen.

Permanenter Stressaufbau

Für eines müsste viel mehr auf allen Ebenen sensibilisiert werden: Die Nutzung von Computer, Handyspielen, Smartphone, etc. ist reiner Stressaufbau!! Kein Kind – im Übrigen auch kein Erwachsener – kann sich dabei entspannen. Die Kinder haben eh schon viel zu viele Termine auf dem Plan. Wenn sie dann noch die wenigen Minuten oder Stundenlücken mit der Nutzung der Geräte „verdaddeln“ sind Schlafprobleme buchstäblich vorprogrammiert. „So wie der Tag verläuft, ist auch die Nacht“, resümiert Dietmar Langer. Heißt übersetzt: Wenn es am Tag keine Pause, keinen einzigen Break gegeben hat, muss das Gehirn irgendwann „Ausgang zur Verarbeitung“ nehmen. Das tut es dann am Abend oder in der Nacht. Ganz zu schweigen von der wertvollen Zeit, die für die Entwicklung von Empathie, Sozialverhalten, Konzentrationsfähigkeit, Kreativität unserer Kinder verloren geht. Hier ist das Buch von Michael Winterhoff „SOS Kinderseele“ oder Mythos Überforderung sehr lesenswert. Er beschreibt sehr eindrücklich, was permanenter Stressaufbau für Folgen auf unsere und die Seelen unserer Kinder haben.
Liebevoll konsequent Regeln vereinbaren

Vielmehr – aber ganz ehrlich – geht es um ein ganz anderes Kernproblem! Wir Eltern stehen ohnmächtig vor unseren Kindern und trauen uns nicht mehr, den Konsum zu steuern oder einzugrenzen. Doch das ist unsere Aufgabe!! Wir müssen ihnen beibringen, dass sie einen gesunden Umgang lernen.
Bei der Jugenduntersuchung meines Sohnes (er ist 15!!) hieß der Rat der Kinderärztin ganz klar: Max. 1,5 Std. Bildschirmnutzung am Tag. Darunter zählt aber alles!! Sprich PC, Handy, Fernsehen, Nintendo oder Wii, etc. Bei uns kein Problem, da wir dahingehend seit Jahren danach leben. Es hat übrigens unzählige Gespräche gegeben, ich führe sie auch täglich mit jungen Leuten in meiner Beratung, die Kinder und Jugendlichen sind am Ende dankbar, wenn wir den Konsum einschränken. Sie merken nämlich ganz deutlich, dass ihnen die Dauernutzung nicht guttut und viel wertvolle Zeit verloren geht. Fasst einmal die Hände Eurer Kinder an, wenn sie „gezockt“ oder die ganze Zeit wieder am Gerät gesessen haben. Die sind in der Regel eiskalt. Das ist ein Stresssymptom! Hat also nichts mit Entspannung zu tun.
Also, bitte liebe Eltern, wenn Ihr etwas zu Eurer eigenen und der Entspannung Eurer Kinder beitragen wollt, schränkt um Himmels willen den Dauerkonsum mit elektronischen Geräten ein.

Vernachlässigung unseres Erziehungsauftrags

Liebevoll konsequent. Gemeinsam können Regeln vereinbart werden, gemeinsam können Handyfreie Zeiten abgesprochen werden. Klappt es nicht in beiderseitigem Einvernehmen, müsst Ihr handeln. Wir, als Erziehungsberechtigte, bestimmen immer noch, was wie wann genutzt wird. Wie kann es sein, dass wir gerade bei einem so sensiblen Thema unserem Erziehungsauftrag nicht mehr gerecht werden?

Im Übrigen: Was wir zu Hause nicht schaffen, können Kindergärten und Schulen auch nicht richten. Die „müssen“ am Ende auch kapitulieren, wenn die Notwendigkeit der Einschränkung zu Hause nicht gesehen wird.

 

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