Schreien, um in Ruhe gelassen zu werden

Baby reibt sich die Augen und schläft ein, Teddiys, Fell, Decke
Gemütlich im Bettchen mit den „tierischen“ Begleitern einschlafen -wenn das immer so einfach wäre… Foto: st-fotograf

Babys haben nicht immer akute Not  und Schlafmittel sind ganz sicher keine Lösung…

Kaum etwas wird  im Umgang mit Säuglingen so heiß diskutiert wie das Thema Schlaf. Eigentlich erstaunlich, denn an sich kommen Babys mit der Grundausstattung Schlaf auf die Welt. Schon in den ersten Wochen können sie sich dem Tag-, Nachtrhythmus anpassen und ihre Schlaf-/ Wachverhalten in den ersten Lebensmonaten entsprechend regulieren – wenn wir sie lassen. Leider tun wir das meist nicht. Denn immer wenn die Kleinen schreien, meinen wir, sie haben Hunger, sind müde,  haben Bauchschmerzen oder schreien um Nähe und Hilfe. So werden wir aktiv – meistens durchs Anlegen. Dass junge Mütter dann zum Teil 24 Stunden zweistündlich durchstillen und innerhalb kürzester Zeit am Rande ihrer Nerven sind, wundert niemanden. Was aber wundert, ist die Tatsache, dass dieser Zustand gemeinhin als normal hingenommen wird und es häufig heißt, das sei eine Phase, die vorüber geht und die Kinder schon wissen, was sie brauchen. Solche „Phasen“ dauern allerdings teilweise Jahre!! Da muss die Verzweiflung groß sein, dass tatsächlich die Idee aufkommt, den Kindern Schlafmittel zu geben, damit Mütter wieder einmal durchschlafen können. Ich war erschüttert, als ich den Artikel „Gefährlicher Trend – Schlafmittel im Kleinkindalter“ am 29. Juni auf heute.de gelesen haben.  Das geht einfacher und natürlich!!!

Es gibt bei diesem Thema ein großes grundsätzliches Problem: Da häufig die Meinung vorherrscht, Babys dürften keinesfalls schreien gelassen werden, rutschen wir in ungünstige Teufelskreise in der Interaktion mit unseren Kindern. „Wir müssen zwischen akut und chronisch unterscheiden“, erläutert der Kinder- und Jugendpsychologe und Leiter der psychosomatischen Station in Gelsenkirchen Dietmar Langer. Ein schreiendes Baby hat bei weitem nicht immer Hunger, Durst oder Schmerzen. Manchmal haben sie einfach schlechte Laune, sind müde oder genervt, müssen Stress abbauen von aufregenden Tagesereignissen und wollen schlichtweg in Ruhe gelassen werden. Das geht uns Erwachsenen doch auch so. Jeder Mensch benötigt von Geburt an auch seine Zeit für sich ganz allein.

Das vergessen wir. Und noch etwas ist zu bedenken: Babys können ihr Schreien auch einsetzen und uns auf Trapp halten. Die Zeit, die wir den Kleinen am Tag nicht einräumen, fordern sie dann die gesamte Nacht ein. Und bekommen ein volles Unterhaltungsprogramm „frei Bettchen“ geliefert. Von immer wieder vorbeikommen, herausnehmen, herumtragen, anlegen, Bäuerchen, streicheln, manchmal sogar noch eine Spazierfahrt um den Block, im Maxicosi auf die Waschmaschine, eine Föhnapp,  – nur damit es einmal schläft…. Merken Sie etwas? Das hat nichts mit akuter Not zu tun. Wenn sich Eltern helfen lassen über die Schreiambulanz und ggf. das Schlafprogramm mit ihren Kindern gemeinsam in der Kinder- und Jugendklinik durchlaufen, ist das die erste Erkenntnis, die sie durch das Wissen, das ihnen vermittelt wird, dankbar annehmen. Wenn die Kinder im Dreiwochenprogramm Schlafen gelernt haben, hat sich das Thema übrigens in 99 % der Fälle erledigt. Die Eltern sind sooooo dankbar. „Allein, zu Hause hätte ich das nie geschafft“, heißt es dann sehr oft. Oder: „Ich bin soo froh, dass wir Schlaf und Lebensqualität gewonnen haben“.

Natürlich gibt es gerade am Anfang immer wieder Zweifelszeiten, in denen junge Mütter, gerade beim ersten Kind, unsicher sind – aber im Großen und Ganzen sollten Kinder mit sechs Monaten durchschlafen können –spätestens aber nach einem Jahr. Alles war darüber hinaus geht, ist weder gesund für die Entwicklung der Kinder noch für den Zustand der Mutter bzw. Eltern.

Wenn Eltern ehrlich zu sich sind und ihrer Intuition folgen können, hätten sie gern ruhige Nächte, Zu-Zweit-Zeit mit ihren Partnern, wären gern ausgeschlafen, haben schnell durchschlafende Kinder. Und das ist eigentlich auch natürlich und ganz normal. Und möglich!

Natürlich können sie die Kleinen auch einmal schreien lassen. Dadurch lernen sie, erste kleine Krisen selber zu bewältigen. Unser Kinder würden sagen: „Lass mich doch einfach einmal in Ruhe: wenn ich mal nicht direkt in den Schlaf komme, muss ich halt zusehen, dass ich es allein schaffe – wie toll, wenn ich Eltern habe, die mir das auch zutrauen. Wenn ich kein Fieber, keinen Infekt oder sonst eine Erkrankung habe, kann ich auch mit ein bisschen Bauschmerzen oder kommenden Zähnchen allein zur Ruhe finden“. Wenn Eltern wirklich ein bis vier, fünf Jahre nicht geschlafen haben (das ist gar nicht selten), bekommen sie eines Tages ein großes Problem. Sie sind so erschöpft, dass sie nicht mehr entspannt mit ihren Kindern umgehen können und schnell in der Überforderung landen. Dann kommt es zu einem wenig liebevollen Umgang mit den Babys, die spüren die Unsicherheit, das schlechte Gewissen, die Erschöpfung der Eltern  sofort, werden unruhig und fangen allein deswegen schon an zu schreien. Wieder ein Teufelskreis…. So jagt der eine, den anderen…und es kann zu Regulationsstörungen kommen.

Kinder brauchen ein starkes, stabiles Gegenüber, um sich gesund entwickeln zu können. An diesem starken Ich müssen wir Eltern arbeiten. Dazu gehört in jedem Fall u.a. ausreichend Schlaf. Es wäre schon hilfreich, unsere Alltage insgesamt zu entschleunigen. Wenn wir den Babys am Tag einen Rhythmus geben, viel Ruhezeiten,  zu Hause in seinem Nest, vor allem im 1. Lebensjahr, geben wir ihnen das Wichtigste, das sie brauchen: Sicherheit und Orientierung. Wenn wir uns am Tag viel Ein-zu-Eins-Zeiten, Qualitätszeit mit den Kindern,  gönnen, nur die schafft übrigens Bindung , (nicht der Einkauf, der Besuch auf dem Spielplatz, die Autofahrt von A nach B) sind Babys auch stark genug, kurze Zeitfenster der Trennung zu überstehen –auch wenn sie es zuerst komisch finden und sich vielleicht lauthals schreiend beschweren.

Sie haben doch gar keine andere Möglichkeit zu kommunizieren. Jedes, auch noch so kleine Unwohlsein, wird halt mit Schreien geäußert. Wir müssen nicht immer springen. Auch hier ist weniger mehr. Trauen Sie Ihren Kindern zu, kleine Krisen selber zu überstehen. Säuglinge kommen als knallharte Naturburschen mit einem starken Drang zu überleben auf die Welt. Sie müssen die Welt buchstäblich ERFAHREN. Sie können aber nur ihre eigenen Lösungen erarbeiten, Schritt für Schritt, wenn wir sie liebevoll begleiten und ihnen andererseits auch einmal schlechte Erfahrungen zumuten. Wir reden hier gerade von Emotionen, die eigentlich auch ausgelebt werden sollten. Das tun wir nicht, wenn wir das Schreien immer unterbinden – sei es mit der Brust, dem Schnuller oder später der Teeflasche.

In allen Elternseminaren wird immer wieder gefragt, was sich Eltern für ihre Kinder wünschen: Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme und Respekt, …. stehen meist an oberster Stelle. All das sind aber Fähigkeiten, die sich über das Erfahren im Leben erst entwickeln können. Erst durch ein Durchleben aller Emotionen, kann ein Mensch beispielsweise Empathie entwickeln. Das gelingt nicht dadurch, dass wir es erklären. Nein, die Kinder müssen selber ihre Erfahrungen sammeln dürfen. Von Beginn an. Und wenn sie mal 10 Minuten warten müssen, vielleicht auch schreiend, die Mutter dann liebevoll kommt und sie in den Arm nimmt, haben auch die Kleinsten schon etwas Großes gelernt: Warten ist zwar kurzfristig doof, aber es  hat sich gelohnt.

Sie schulen nebenbei etwas so  Wichtiges wie: Bedürfnisaufschub. Frustrationstoleranz. Eigenschaften, die die Kinder unserer heutigen Gesellschaft kaum noch kennen, die aber, um im Leben zu bestehen, dringend notwendig sind. Welche Bedürfnisse werden im Erwachsenenleben denn schon immer SOFORT erfüllt?

Das Training beginnt sehr früh, diesen Schritt gehen zu können. Helfen wir unseren Kindern dabei, im Leben zu Recht zu kommen.

Gerne hören wir Ihre Meinung.

 

Tags from the story
, ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

" />