Ein Weg, der sich lohnt – was wir lernen durften

Wir beziehen Stellung zur Reaktion auf „Elternschule“

„Es ist nur eine Art von Gewalt in dem Film zu sehen – Kinder schmeißen mit Messern um sich, treten, hauen, kratzen und beißen ihre Eltern“, der Kommentar eines heute 16jährigen zu den Gewaltvorwürfen.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht  heißt es, aber Unwissenheit darf  zur Strafe bzw. Verunglimpfung führen? Das, was gerade um uns herum passiert, macht uns alle sprach- und fassungslos! Gewalt und Misshandlung wird der Klinik vorgeworfen. Diese Vorwurfswelle schwappt durchs Netz – wir, die durch die Behandlung gehen durften, wissen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Welle, ausgelöst von Menschen, die den Film nach eigener Aussage gar nicht gesehen haben.

Genervt und gehetzt

Schauen Sie sich einmal um in unserer Gesellschaft: Wie viele Menschen laufen völlig gehetzt und genervt durch die Gegend, packen ihre Kinder im Supermarkt unsanft am Arm und fordern sie scharf auf,   endlich still zu sein… Oder wenn die Kinder von ihren Aktivitäten abgeholt, gehetzt ins Auto geschoben werden, Mama oder Papa das Handy schon wieder am Ohr haben, nicht zuhören, was die Kinder ihnen gerade vom Reiten, Spielen oder Schwimmen  mitteilen möchten. Verzweifelte Machtkämpfe, Schreiattacken von Elternseite, weil sie nicht mehr weiterwissen oder können… Ewiges Diskutieren um Regeln. Das ist Alltag in unseren Familien. Ständig Stress, ständige Diskussionen, die nicht sein müssten.

Oder fragen Sie einmal Mütter, die zwei Jahre keine Nacht mehr geschlafen haben, wie es ihnen wirklich geht… Ihnen wird suggeriert, dass das ganz normal ist. Und wenn das drei Jahre so geht…Und dann fragen Sie einmal nach dem gesellschaftlichen Druck, der in diesen Zeiten ausgeübt wird auf Eltern, die ihr Kind auch gerechtfertigterweise einmal weinen lassen. So viel Verunsicherung, Verunglimpfung, Wut, Frust zieht durch die Lande – das soll ein gutes Klima sein, damit Kinder sich gesund entwickeln können? Wohl kaum.

Handlungskompetenz durch Wissen

Ich sage Ihnen, was wir in Gelsenkirchen lernen durften:  Wir sind zu Hunderten, Tausenden mit unseren Kindern durch diese Behandlung gegangen – und ich spreche wohl für nahezu alle, dass diese Behandlung die letzte Rettung eines langen Leidensweges war. Die Bezugsperson wird samt Patient aufgenommen und wir lernen dort viel über die Hintergründe der Psychosomatik, über Stressmuster und wie wir ihnen entgegenwirken können. Wir bekommen in diversen Vorträgen gezeigt, wie wir eine gute Bindung zu unseren Kindern aufbauen bzw. fördern können. Wir lernen Entspannungsmethoden, wir spielen und kuscheln mit den Kindern, machen Sport, lernen etwas über Ernährung und über entwicklungspsychologische Hintergründe. Wir lernen etwas über unsere Herkunft, über unsere genetischen Baupläne, über die Wichtigkeit von gelingenden und gesunden Beziehungen in unseren Familien – und über liebevoll konsequente Erziehung.

Und was erreichen wir am Ende damit: Kinder verlieren durch Veränderung von Stressmustern ihre chronischen Erkrankungen, schlafen und essen wieder, kooperieren mit ihren Eltern. Familien finden wieder zueinander, Eltern sind wieder Eltern, und die Kinder merken, dass sie liebevoll begleitet und buchstäblich an die Hand genommen werden. Nicht mehr und nicht weniger wird vermittelt.

Völlig haltlose Vorwürfe

Wie es möglich sein kann, dass uninformierte, undifferenzierte und einfach nur wütende (worauf auch immer) Stimmen erhört werden, sich daraufhin Meinungen gebildet, Urteile erlaubt werden, Menschen übelst beschimpft und angefeindet werden, gar Anklagen ausgesprochen werden – ist uns allen, die für ein friedliches und entspanntes Miteinander stehen und das täglich in unseren Familien leben wollen, ein absolutes Rätsel. Wenn es dafür Gründe geben würde, wir uns sachlich austauschen könnten, zum Wohle unserer Kinder hätte diese Debatte noch einen Sinn. So richtet sie unsagbaren Schaden an: Sorgt für noch mehr Unsicherheit, als eh schon herrscht und stellt diejenigen an den Pranger, die seit Jahren für ein Konzept stehen, das vielen von uns buchstäblich das Leben „gerettet“ hat, den Blick geöffnet hat für eine Sichtweise, die es uns als Familie ermöglicht, liebevoll miteinander umzugehen. Wir sind nach wie vor unsagbar dankbar dafür.

Die Kinder heute

Und unsere Kinder? Egal wie alt sie heute sind – ihnen geht es super. Sie sind selbstbewusst, weil sie alle Emotionen ausleben durften, sie sind autonom, weil sie viele Lösungen selber finden konnten, sie haben Frustrationstoleranz, weil sie auch einmal warten durften, sie haben eine gute Impulskontrolle, weil sie gelernt haben, sich selber zu regulieren, sie können sich konzentrieren, weil sie gelernt haben, freie Zeitfenster für sich zu nutzen, sie haben Bedürfnisaufschub gelernt, weil sie auch einmal warten mussten, sie verfügen über einen reichen Erfahrungsschatz, weil sie auch negative Erfahrungen sammeln durften.

Sie gehen ihre Wege, sehr selbstständig und wir haben als Eltern gelernt, sie loszulassen und ihnen zu vertrauen. Ist das nicht unsere Aufgabe?

Frauke Döllekes