Kinderarzt und Allergologe Dr. Kurt-André Lion

Wir fragen Dr. Lion, Kinderarzt, Allergologe und ärztlicher Leiter der psychosomatischen Station in der Kinder- und Jugendklinik, welche Erkenntnisse er als Vollblutmediziner mit der Psychosomatik bei der Behandlung von Allergien, Neurodermitis und Asthma gewonnen hat.

Dr. Lion, was haben Allergien, Neurodermitis und Asthma eigentlich mit der Psyche zu tun?

Dr. Lion: Allergien, Neurodermitis und Asthma darf man als psychosomatische Störungsbilder auffassen. Wichtig ist es hier, den Zusammenhang zwischen körperlichen Symptomen und der Psyche herzustellen, kritisch zu hinterfragen und – wenn möglich positiv zu beeinflussen.

Welche Erkenntnisse konnten Sie im Laufe der letzten 25 Jahre sammeln?

Dr. Lion: Allergien sind heilbar! Allergische Erkrankungen haben viel mit Stress zu tun. Wenn man sich dessen bewusst ist und Betroffene einen guten, besseren Umgang mit Stress erzielen, ist es möglich, die Krankheit zu beeinflussen und Heilung kann möglich werden.

Was haben Sie als Allergologe, Kinderarzt, anfangs von dem psychosomatischen Ansatz gedacht? Mussten Sie auch erst „überzeugt“ werden?

Dr. Lion: Mein erster Impuls: Wow! Das ist etwas ganz anderes und steht so nicht in den Lehrbüchern. Am überzeugendsten für mich aber waren die Patienten bzw. deren Eltern, die zur Kontrolle kamen und zufrieden und glücklich waren. Von diesen Menschen durfte ich erfahren, dass die Erkrankungen zu heilen sind.

Wie würden Sie sich eine optimale Zusammenarbeit mit anderen Behandlungsformen vorstellen bzw. wünschen?

Dr. Lion: Ich erhoffe mir ein nicht dogmatisches Denken. Ich wünsche mir Toleranz gegenüber auch anderen Wegen, die meine Patienten beschreiten. Ich wünsche mir vor allem Respekt gegenüber dieser psychosomatischen Betrachtungs- und Behandlungsweise als weitere Option für Betroffene.

Warum glauben Ihnen viele Kollegen nicht nach so vielen nachweisbaren Erfolgsgeschichten?

Dr. Lion: Die Menschen, die als Patienten bei uns waren, glauben uns natürlich – denn ihnen wird enorm geholfen. Sie sind größtenteils überaus erleichtert, diesen Weg kennengelernt zu haben. Sehr häufig habe ich in den letzten Jahren folgenden Satz von Patienten gehört: „Ich habe das immer vermutet, endlich spricht es mal jemand aus.“ Die Menschen, die uns am heftigsten kritisieren, haben sich in der Regel nie direkt persönlich mit uns oder dem Konzept auseinandergesetzt, sondern urteilen nur nach dem Hören-Sagen.

 Warum ist der dreiwöchige Aufenthalt in der Klinik von Bezugsperson und Kind so wichtig für den Erfolg?

Dr. Lion: Kinder kann man nicht in einem Vakuum betrachten – immer nur im vernetzten System der gesamten Familie. Psychosomatische Störungsbilder machen die ganze Familie krank. Kann man positiv auf das Familiensystem einwirken, ergeben sich veränderte Strukturen und Rahmenbedingungen in den Familien, die insgesamt zu der Genesung der Kinder beitragen. Das heißt keinesfalls, dass die Eltern schuld sind an der Erkrankung ihrer Kinder. In der Regel sind Eltern von chronisch kranken Kindern selber Opfer dieser Störung, auch wenn sie nicht dieselben Symptome aufweisen, sondern chronisch erschöpft und hilflos sind. In einer psychosomatischen Konzeption lernen die Eltern nun, dass sie aktiv am Heilungsprozess mitwirken können. Sie können letztlich die bestmöglichen Bedingungen beisteuern, die Selbstheilung erst möglich machen.

Seit 30 Jahren gibt es die psychosomatische Behandlung in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. 87 % der Patienten werden gesund. Was ist der Schlüssel zum Erfolg und wann gelingt die Heilung nicht?

Dr. Lion: In ungünstigen Fällen können Stressfelder immens groß sein und u.U. so vertrackt und komplex, dass es nicht gelingt, diese Felder zugunsten des Kindes zu beeinflussen (z.B. eine potentielle Trennung der sich mit einer Scheidung beschäftigenden Eltern). Auch hier geht es nicht um eine Schuldzuweisung an die Eltern, sondern psychodynamisch um das Erarbeiten von Freiheitsgraden, die diesen Stressfeldern und hohen emotionalen Belastungen entgegen wirken können. Sind diese Freiheitsgrade gleich Null, so kann man wenigstens versuchen, diese extreme Spannungs- und Konfliktsituation aushaltbarer zu machen, bis sich wieder neue Handlungsspielräume ergeben. Ein Schlüssel zum Erfolg? Unvoreingenommenes Denken und die Bereitschaft, sich auf eine ganzheitliche Betrachtungsweise von komplexen Krankheitsbildern nicht nur einzulassen, sondern sich aktiv in diesem Therapieprozess zu engagieren. Heilung bei Allergien ist möglich – durch den Betroffenen selbst!

10. Oktober 2016

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